Vom Funktionieren zum Sein: Warum ich die Jagd beendet habe

Das Leben im „inneren Müssen“

Mein Name ist Kerstin. Geboren in Deutschland, lebe ich heute in der Dominikanischen Republik. Doch mein Weg zur Yoga-Philosophie begann nicht unter Palmen, sondern in der grauen Enge eines Lebens, das nur aus „Funktionieren“ bestand.

Alles begann mit einem Leben nach außen. Nach Erwartungen, nach Rollen, nach dem, was man „halt so macht“. Ich hielt den ständigen, leisen Stress für normal – die unvermeidbare Begleiterscheinung einer verantwortlichen, starken Frau. Schwäche zu zeigen war keine Option. Ich organisierte, ich lächelte, ich erfüllte meine Aufgaben. Doch in mir brannte etwas langsam aus. Wie eine Flamme, die still und unbemerkt immer kleiner wird.

Ich holte mir keine Hilfe, um zu heilen – sondern um irgendwie weiterzumachen. Mein Körper lieh mir Kraft auf Raten, doch er forderte sie jedes Mal zurück – mit Zinsen.

Der Tag, an dem die Welt stehen blieb

Dann kam der Moment, der alles veränderte: Ein Herzstillstand. Mein Mann reanimierte mich. In dem Augenblick, als ich aufwachte, spürte ich etwas Unfassbares: Eine Stille. Einen Frieden, den ich nicht kannte.

Die Ärzte sagten: „Sie sind gesund“, und schoben alles auf den Stress. Aber wie sollte ich den noch reduzieren? Ich arbeitete bereits weniger, ich schlief mehr, ich praktizierte Yoga. Und trotzdem fühlte sich alles schlimmer an. Jeder Tag wurde zur Herausforderung. Würde mich heute wieder dieser Schwindel überwältigen? Diese Trennung vom eigenen Körper? Die nackte Angst, diesmal wirklich zu sterben?

Die Einsamkeit im „Gesundsein“

Niemand verstand es. Ich hörte Sätze wie: „Das ist doch nicht so schlimm.“ Oder: „Die Ärzte sagen, du bist gesund.“ Ich fühlte mich einsam und unverstanden – selbst von den Menschen, die mich liebten. Ich war nicht krank, ich war getrennt. Getrennt von mir selbst, vom Leben, von meinem Wesen. In Wahrheit war mein Zusammenbruch kein Versagen, sondern ein verzweifelter Schrei meiner Seele nach Wahrheit.

Die Entdeckung des Skalpells

An meinem tiefsten Punkt begegnete ich einer Therapeutin, die mich sah, als ich mich selbst nicht mehr sah. Sie stellte keine Fragen. Sie forderte nichts. In ihrem Blick lag etwas, das ich lange nicht gespürt hatte: Präsenz ohne Urteil.

Durch sie lernte ich die Sprache meines Körpers neu. Ich begriff: Meine Erschöpfung war keine Schwäche. Sie war ein Feuer, das seine Richtung verloren hatte. Ich begegnete dem Yoga neu – nicht als Technik oder Sport, sondern als Raum, in dem ich nichts leisten musste.

Ich erkannte die radikale Wahrheit: Ich war nie „kaputt“. Ich war nur erschöpft vom ständigen Weggehen von mir selbst. In der Stille der Yoga-Sūtras fand ich das Werkzeug, um den Film meiner Geschichte von der Leinwand meines eigentlichen Seins zu trennen.

Warum ich dieses Buch geschrieben habe

Heute begleite ich Menschen dabei, genau diesen „Ich-Macher“ zu durchschauen, der uns in die Erschöpfung treibt. Mein Ansatz ist nüchtern und frei von spirituellem Kitsch, denn ich weiß: Wahre Freiheit braucht kein neues Konzept, sondern das stille Aufhören mit dem Davonlaufen.

In meinem Buch „Das verwechselte Ich“ seziere ich diesen Weg. Es ist kein Ratgeber für ein „besseres“ Leben, sondern eine Einladung, die Identifikation mit dem Stress und den Rollen endgültig aufzugeben.

Es ist der Weg zurück nach Hause. Zu dir. Zu deiner Wahrheit.

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